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Forschungsprojekte

Sektion VI: Literarische Übersetzung

Der Erfolg eines Buches hängt wesentlich von der Qualität seiner Übersetzungen ab. Übersetzungen sind sprachschöpferische Leistungen und somit ein fester Bestandteil der “nationalen” Gegenwartsliteratur. Sie leisten einen entscheidenden Beitrag zum Verstehen des Fremden. Die damit verbundene Sprach-, Literatur- und Kulturtransferleistung wird jedoch häufig nicht als solche wahrgenommen, die Differenz des Fremden ist in der Quasiidentität der Übersetzung aufgehoben. Der geplante Themenblock “Literarische Übersetzung” versteht sich über den technischen Aspekt hinaus als fächerübergreifende “Schwellenkunde”. Neben den theoretischen Fragen Alterität und Identität, Intertextualität und Übersetzung, intralinguales/intermediales Übersetzen, Mehrsprachigkeit und Multikulturalität soll – als Beitrag zur angewandten Literaturwissenschaft – auch die Stellung der Übersetzer im Literaturbetrieb kritisch beleuchtet werden. Verlage gehen zum Teil erschreckend verantwortungslos mit Übersetzungen um. Übersetzungen werden im Feuilleton – wenn überhaupt – meist kenntnislos undifferenziert und pauschalisierend besprochen. Wie lassen sich hierfür Qualitätsstandards formulieren?

Sein besonderes Profil gewinnt der geplante Themenkomplex unter anderem durch die enge Verbindung von Theorie und Praxis. Das Interdisziplinäre Zentrum für Literatur und Kultur der Gegenwart kann hierbei an bestehende Strukturen anknüpfen. Seit 1999 bestehen die “Wolfenbütteler Übersetzergespräche” unter Leitung des Erlanger Romanisten Adrian La Salvia. 2004 wurde im Rahmen des Erlanger Poetenfests die “Erlanger Übersetzerwerkstatt” gegründet. Anlässlich der Erlanger Übersetzerwerkstatt 2005 wird erstmalig der “Erlanger Übersetzerpreis” vergeben. Teilnehmer der Übersetzergespräche sind Übersetzer bzw. Autoren, in deren Schaffen das Übersetzen einen breiten Raum einnimmt, sowie Theoretiker unterschiedlicher Disziplinen, die sich schwerpunktmäßig mit Übersetzungen beschäftigen. Von dieser fest etablierten Plattform aus sind zahlreiche Kooperationsangebote mit der Universität denkbar. Mehrfach schon wurden Studenten in die Gespräche integriert, um eigene Arbeiten vorzustellen. Hier kann eine Ausweitung auf das akademische Lehrangebot erfolgen, die langfristig zur Entwicklung eines eigenen Studiengangs führt. Darüber hinaus ergibt sich jederzeit die Möglichkeit, teilnehmende Autoren zu Vorträgen oder Vorlesungen nach Erlangen zu verpflichten. Unter Umständen könnte sogar der “Erlanger Übersetzerpreis” mit einer entsprechen Poetikdozentur verbunden werden.

Links: http://www.uebersetzergespraeche.de, http://www.poetenfest-erlangen.de Das wichtigste Handwerkszeug des literarischen Übersetzers sind Wörterbücher, und zwar zweisprachige wie einsprachige Wörterbücher der jeweiligen Ausgangs- und Zielsprachen. Entgegen landläufiger Meinung kennzeichnet ausgiebiges Nachschlagen nicht die „armen Poeten“ unter den Übersetzern, sondern gerade die Besten ihrer Zunft. Diese wissen, dass bei anspruchsvollen Texten hervorragendes Fremd- und Muttersprachwissen allein nicht genügt, sondern immer auch ein Brainstorming nötig ist, sei es im punktuellen Austausch mit Kollegen, aber eben auch unerlässlicherweise durch das Konsultieren der verschiedensten Nachschlagewerke. Gute professionelle Übersetzer haben den Wörterbuchreflex – ihre Auftraggeber lassen ihnen jedoch nicht immer genügend Zeit, diesen im nötigen Umfang anzuwenden.

Das Institut für Angewandte Sprachwissenschaft widmet sich seit mehr als 20 Jahren, unter der Leitung des Institutsvorstands Prof. Dr. F. J. Hausmann, vornehmlich der Wörterbuchforschung. Das Institut besitzt eine in langen Jahren zusammengetragene, überaus reichhaltige Bibliothek von Allgemein- und Spezialwörterbüchern (z.Zt. etwa 3000 Titel, zu den gängigen indoeuropäischen, vereinzelt aber auch zu exotischen Sprachen, Wörterbücher vom 17. Jahrhundert bis 2005, von der einbändigen Tasschenbuchausgabe bis zum größten französischen Wörterbuch in 16 Foliobänden). Bisher diente die Bibliothek schwerpunktmäßig der Forschung und Lehre auf dem Gebiet der französischen Lexikographie und Metalexikographie (M. Heinz, die am Institut für Angewandte Sprachwissenschaft alle Stationen vom Grundstudium bis zur Habilitation durchlaufen hat, ist z.B. Mitautorin des französischen Referenzwörterbuchs Le Nouveau Petit Robert. – Im Juni 2004 hat das Institut ein von der DFG gefördertes internationales Kolloquium in französischer Sprache „Les Premières Journées allemandes des dictionnaires“ durchgeführt (www.ias.uni-erlangen.de/klingenberg), dem Anfang Juli 2006 die „Deuxièmes Journées allemandes des dictionnaires“ folgen werden.) Seit einiger Zeit werden am Institut für Angewandte Sprachwissenschaft nun auch verstärkt die französische (und frankophone) Literatur und Kultur in Forschung und Lehre mit einbezogen, eine allmähliche Umorientierung, die auf eine an den bayerischen Universitäten bisher nicht existierende „Französistik“ hinauslaufen könnte. Durch eine Annäherung von Sprach- und Literaturwissenschaft auch in den anderen romanischen Einzelsprachen, einhergehend mit Abkehr von der, notgedrungen deutschsprachigen, Gesamtromanistik, bestünde auch erstmals die Chance der Schaffung einer „Hispanistik“ und einer „Italianistik“: an den bayerischen (und deutschen) Universitäten wäre diese Spezialisierung ein Novum – im europäischen Ausland dagegen ist sie seit jeher (und nicht erst seit „Bologna“) sinnvollerweise das Übliche. Die im heutigen Europa immer wichtiger werdenden Doppeldiplome, die es für Vollromanisten nicht geben konnte, wären für Französisten, Hispanisten oder Italianisten endlich realisierbar. Im Sommersemester 2004 wurde am Institut für Angewandte Sprachwissenschaft erstmals ein HS in literarischer Übersetzung veranstaltet. Die zehn Teilnehmer(innen) des Seminars übersetzten einen vollständigen Roman (Meuse l’oubli (1999) – Maas des Vergessens) vom Französischen ins Deutsche. Die schon an und für sich anspruchsvolle Übersetzungsarbeit an dem mit Schwierigkeiten gespickten Text (in rhythmus- und klangbetonter lyrischer Sprache, ohne sprachliche Automatismen fixierter Rede, mit Regionalismen, Polysemiehäufungen, erfundenen Wörtern, Anspielungen aller Art) wurde mit Wörterbuchbenutzungsforschung und -kritik kombiniert. Der Autor des Textes, Philippe Claudel (dessen bisher letzter Roman, Les âmes grises (2003) – Die grauen Seelen in Frankreich mit dem prestigeträchtigen Prix Renaudot ausgezeichnet und seitdem in 25 Sprachen übersetzt wurde) kam zu einem Werkstattgespräch in eine der Seminarsitzungen – sein erster Kontakt mit einer deutschen Universität – und gab abends, zusammen mit seinen Erlanger Übersetzer(innen), eine Lesung am Deutsch-Französischen Institut (gefördert von der Ambassade de France en Allemagne). Bestärkt durch die Idee eines IZ für Literatur und Kultur der Gegenwart und die dadurch erleichterte instituts- und fächerübergreifende Zusammenarbeit, wird auch in diesem Sommersemester am IAS wieder ein Übersetzungs-HS angeboten: es wird der zweite Roman desselben Autors übersetzt; dieser wird sich in der Sitzung am 12. Mai 2005 erneut den Fragen der Studierenden stellen und abends zusammen mit ihnen eine Lesung halten. Philippe Claudel, der großes Interesse an der in Erlangen geleisteten Übersetzungsarbeit zeigt (die in Zukunft fortgesetzt und verstärkt werden soll), ist selbst Lehrbeauftragter für „Anthropologie culturelle et littérature“ an der Universität Nancy II und könnte Kontakte zu anderen jungen Autoren, aber auch zu Übersetzern, Literaturwissenschaftlern und Filmemachern aus der gesamten Frankophonie vermitteln. Da Ph. Claudel auch Drehbuchautor ist – am 21. September 2005 läuft in Frankreich die verfilmte Fassung von Les âmes grises an – eröffnet sich auch hier die Möglichkeit eines intermedialen Übertragungsvergleichs und einer interlingualen Übersetzung des Drehbuchs. Es zeichnet sich zudem die Möglichkeit ab, dass Claudel für die vom IZ geplante Vortragsreihe „Fußball in der Kultur und Literatur der Gegenwart“ gezielt einen Text verfasst, der in Erlangen übersetzt und hier erstmals präsentiert würde.

Zum Webauftritt der Sektion “LITERARISCHE ÜBERSETZUNG”

Themenkomplexe

  • Übersetzungen sind Begegnungen mit dem Fremden, sie liefern Material für eine interkulturelle Imagologie
  • Übersetzen als Dialog: Alterität und Identität
  • Übersetzen als Widerstand
  • Übersetzen als intralinguales Phänomen: Übersetzungen als Überschreibungen (“réécriture”)
  • Übersetzen als Medienwechsel: intermediale Übersetzungen (Vertonung und Illustration als übersetzerische Verfahren)
  • Intertextualität und Übersetzung
  • Mehrsprachigkeit und Multikulturalität
  • Stellung der Übersetzer im Literaturbetrieb und im Feuilleton
  • Literarische Übersetzung und Wörterbuchbenutzungsforschung / Wörterbuchkritik
  • Der Autor als „Hilfsmittel“ bei der literarischen Übersetzung
  • Experimentelle Verzahnung von Schreiben und Übersetzen (Der Übersetzer als Auftraggeber für den zu übersetzenden Text)

Ansprechpartner

  • Dr. Adrian La Salvia

PD Dr. Michaela Heinz